Je länger der Konflikt in der Ukraine anhält, desto klarer wird, dass er eine wunderbare Argumentationsgrundlage bietet, für alle die, die sich nachViktorianischen und Willhelminschen Mustern von Männlichkeit zurück sehen, die, die nie den Mut für echten Pazifismus gefunden haben, und alle die, die schon immer nach einer bequemeren Möglichkeit auschauten, um  mit der Rüstungsindustrie Geld zu verdienen, ohne sich selbst als Soldat in Gefahr zu bringen, oder sich gar beim Töten des Gegenübers die Hände schmutzig zu machen.


Der Philosophische Stammtisch vom 21. März 2022 mit dem Title "Give peace a chance – Aber wie?" ist voll mit Beispielen dafür. Im Folgenden, möchte ich mich auf nur eines beschränken.


Beistandspflicht auf Grundlage des Selbstberteidigungsrechtes


In der Minute 10:00 bringt Wolfram Eilenberger die Frage auf, wie auf Grundlage des Rechtes der UN-Charta (Artikel 51), das das Recht für Selbstverteidung einschliesst, eine Beistandspflicht begründet werden kann.

Eilenberger bedenkt also die Möglichkeit, dass man ein Recht zur Beistandspflicht durch das positive Recht, das in der UN-Charta festgelegt wurde, begründen kann, weil diese das Natturrecht zur Selbverteidigung anerekennt. (Es bleibt hierbei offen, wie er "einschliessen" versteht).


Der Wortlaut von Artikel 51 ist folgender:

"Diese Charta beeinträchtigt im Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen keineswegs das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat. Maßnahmen, die ein Mitglied in Ausübung dieses Selbstverteidigungsrechts trifft, sind dem Sicherheitsrat sofort anzuzeigen; sie berühren in keiner Weise dessen auf dieser Charta beruhende Befugnis und Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu treffen, die er zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit für erforderlich hält".


Ob dieser Artikel auf die Ukraine überhaupt anwendbar ist, da sich diese Charter auf Mitglieder beschränkt und chronologisch auf den Zeitraum vor dem Eingreifen, respektive der Reaktionsmöglichkeit, des Sicherheitsrates befristet ist. Dies ist aber für die Argumentation hier zweitrangig. Die Tatsache, dass sich gerade Russland, durch Moskaus Botschafter Wassili Nebensja im Sicherheitsrat genau auf diesen Artikel stützte um den Einmarsch russischer Truppen im Donbass zu gerechtfertigen, lässt die Aussage in dieser philosophischen Runde doch eher etwas ungeschickt und oberflächlich informiert erscheinen. Mehr dazu im Handelsblatt.


Was aber in jedem Fall klar hervorgeht, ist dass die UN-Charta das Recht zur Selbstverteidigung nicht begründet, sondern dieses nur als ein Naturrecht anerkennt und es in gewissem Masse beschränkt, nämlich insofern, dass der Sicherheitsrat informiert werden muss. Es ist diskutierbar, ob dann die Massnahmen des Sicherheitsrates diejenigen des einzelnen Staates ersetzten. Fest steht, dass dieser Artikel in zunehmendem Masse hervorgebracht wird, um das Gewaltverbot (u.a. Artikel 2) zu umgehen (Hilpold, 2005) oder gar die Präventivdoktrin zu versiegeln (siehe Speckman, 2010).


Normative Ethik auf der Grundlage der Gesellschaftsvertragstheorie

Dieser Gedanke biete nun eine breite Debatte für die Diskussion darüber, welche Schwierigkeiten sich für eine Normative Ethik ergeben, wie sie in der UN-Charta dargelegt wird, die sich auf die Grundlage der Gesellschaftsvertragstheorie stellt, ohne die Möglichkeit bei einem Vetragsbruch die vereinbarten Regeln dann durzusetzen (Kathrani, 2010).

Es ist diese Schlussfolgerung, die dann Anhängern des Utilitarismus eine Tür öffnet.


Da springt nun der utilitaristische Philosoph Wilfried Hinsch gerne ein und beantwortet Eilenbergers Frage.

Im folgenden, möchte ich nun nicht obige Fragen zur Anwendbarkeit der UN-Charta und der Rechtfertigung der verschiedenen Akteure im aktuellen Konflikt weiter analysieren, sondern konzentriere mich darauf, wie ein Philosoph komplexe juristische und ethische Argumente, die eine ausreichende Bibliographie für eine diferenzierte Debate zur Verfügung stellen, auf das Niveau einer Kneipendiskussion bringt, und sie dazu nutzt überholte Modelle von Männlichkeit und herkömmliche Muster von Frauenfeindlichkeit einzubringen. Letzen Endes geht es aber vor allem darum, einen Krieg zu rechtfertigen, den man im Grunde hätte verhindern müssen.


Das Mantra von von Ursula von der Leyen, dass die NATO stärker und einiger den je sei, tönt gerade jetzt wo sie doch versucht Friedenserzwingende Massnahmen als Aktionen der Vereinten Nationen darzustellen, und dies obwohl sie direkt gegen eigene Mitglieder dieser Organisation vorgehen wollen, etwas absurd und bringt den gesamten Artikel 42 und 43 wieder ins Zentrum. 


Nun genau diese Massnahmen zu begründen, ist auch ein Kampf, der auf philosophischer Ebene ausgetragen wird. Das interessante dabei ist, das gerade ein Vetragsrecht, das ein deontologisches Recht teilweise anerkennt, herangezogen wird, um ein utilitaristisches Recht zu begründen:

  1. Beim Vertragsrecht sprechen wir vom positiven Gesetz der UN-Charta;
  2. beim deontologischen Recht von dem der Selbstverteidigung, wie es durch John Lock als Natturecht eingeführt wurde, dort allerdings vor allem innenpolitisch begründet in Form des Peyorativum; und 
  3. beim utilitaristischen Recht sprechen wir von Hinsch Konzeption eines Selbstverteidigungsrechtes für die Ukraine, die er nicht weiter utilitaristisch Begründet, sonder dazu heranzieht aus ihr eine Beistandspflicht zu festzustellen.

Wie diese verschiedenen, oft konkurrierenden philosophischen Theorien in einer begründenden Argumentation zusammenhängen sollen, und methodologisch funktionieren, wird von Hinsch nicht weiter auf ihre Gültigkeit hin erläutert. 

Wie man Frauenrechte nutzt, um einen Krieg zu rechtfertigen


Das Argument von Hinsch lautet nun so:

"...ein Recht zu haben bedeutet etwas zu haben, in dessen Besitz die Gesellschaft mich verteidigen muss".

Er zitiert hier wortwörtlich John Stuart Mill's Satz

"To have a right, then, is, I conceive, to have something which society ought to defend me in the possession of. If the objector goes on to ask, why it ought?  I can give him no other reason than general utility".


Allerdings beendet er diesen nicht, sondern bringt ein praktisches Beispiel, das die ganze Frage noch etwas komplizierter macht.


Er glaubt nämlich folgendes (Minuten 10:45-11:14):


"das entspricht unserem üblichen Verständnis .... eine Gesellschaft in der die Rechte von Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung nicht geachtet [werde] und [dann] nicht mit Polizeigewalt auch notfalls verteidigt [werden], ist eine Gesellschaft in der Frauen in dieser Hinsicht rechtlos sind". 



"... und das bedeutet aber doch, dass der Pazifismus wenn er uns dieses Recht abspricht --  also Leuten die in Gefahr sind, Menschen die in Gefahr sind, bei zu stehen, auch notfalls mit physischer Gewalt -- diesen Menschen ... ein wirkliches Recht abspricht, auf Leben etwa oder körperliche Unversehrtheit".


Barbara Bleisch fasst zusammen dass dies nun also bedeutet dass 


"wenn es ein Recht auf Selbstverteidigung gibt ... dann ist dieses Recht schal, hohl, nutzlos, wenn es nicht zugleich die Pflicht gibt, die zu unterstützen, wenn sie hilfe brauchen".

Bei der ganzen Frage wird schon einmal ignoriert, dass Mill diese Premisse nicht begründet hat, sondern als eine eigene intuitive Empfindung äusserte, bei der er einwandt, dass er sie eben nicht wirklich begründen könnte, nicht zu jenem Zeitpunkt, und nur auf einen allgemeinen Nutzen zurückführen könnte. Dieser Nutzen wird nun bei Mill aus einem "tierischen", "Gefühl" herbeigeführt, womit er wohl, einen tief verankerter Instinkt in unserer Spezie meint. Der Nutzen ist es genau dieses Gefühl zu schützen, das "allgemeine Interesse" sich "sicher zu fühlen":


"The interest involved is that of security, to every one's feelings the most vital of all interests."

 

Wenn man so argumentieren möchte, könnte man davon ausgehen das Hinsch nun erklärt, dass Frauen in ihrer sexuellen Freiheit geschützt werden müssen, damit die Männer, und die Gesellschaft im allgemeinen sich sicher fühlen kann. Das wäre vielleicht sogar eine interessante Argumentationslinie. Aber Hinsch geht es ja nicht darum, die sexuelle Selbstbestimmung der Frau zu verteidigen. Dazu könnte er ja Artikel Art. 1 Abs. 1 GG des deutschen Grundgesetzes herbeiziehen, das die allgemeine Selbstbestimmungsrecht verfassungsrechtlich durch  den Schutz der Menschenwürde erklärt, oder sich auf die UN-Charta und deren Auslegung der Menschenwürde beziehen. Darum geht es aber nicht. Vielmehr, geht Hinsch davon aus, dass dieses Recht für die Diskursteilnehme ausreichend selbstverständlich ist, um daraus ein anderes Recht abzuleiten, nämlich jenes der Selbstverteidigung.

Diese Selbstverständlichkeit, stellt er aber gerade für seine Begründungskette in Zweifel. Das deutsche Grundrecht und die UN-Charte sind nämlich beide vetragesrechtlich geregelt, das heisst, basieren auf positivem Recht. Nun wird aber Hinsch im Folgenden dieses Recht utilitaristisch einschränken. Konkret geht er davon aus, dass man, besser gesagt Frau, ein Recht nur hat, wenn es auch von anderen verteidigt wird. Interessant dabei ist das Kriterium der Fremdverteidigung und nicht der Selbverteidigung.

Das Recht der Frau auf sexuelle Selbstbestimmung

Zurück zu Hinsch's Argument:

"das entspricht unserem üblichen Verständnis .... eine Gesellschaft in der die Rechte von Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung nicht geachtet [werde] und [dann] nicht mit Polizeigewalt auch notfalls verteidigt [werden], ist eine Gesellschaft in der Frauen in dieser Hinsicht rechtlos sind". 

Kurzgesagt, Frau haben dieses Recht nur, weil die Polizei es verteidigt. Man fragt sich da nun, ob Frauen in Afghanistan dieses Recht daher nicht haben, weil es von deren Polizei nicht verteidigt wird. Diese Frage ist natürlich provokativ, da es kaum von der Weltgemeinschaft angezweifelt wird. In welcher Weise dies aus philosophischer Sicht im Falle Afghanistans begründet wird, ist aber hier nicht weiter relevant. Der zentrale Punkt ist, dass Hinsch die weibliche Selbstbestimmung durch die mögliche Polizeigewalt, also eine Schutzfunktion durch Dritte begründet.

Eine Serie formaler und informaler Fehlschlüsse

Scheint eine Berufung auf Konsequenzen (argumentum ad consequentiam):  ziemlich verbreite im Utilitarismus, und von seiner inneren Struktur her zulässig. Ich will hier nicht die philosophische Gültigkeit des Utilitarismus in Frage stellen.

Ist aber eher ein Scheinargument in Form eines Argumentum ad baculum: Die Polizei muss die Frauen verteidigen, da sie sonst keine Rechte hätten.

Argumentum ad logicam

Das ist natürlich faktisch unkorrekt und daher ein simpler Fehlschluss. Der Grund warum die Polizei Frauen im konkreten, und jeden Bürger im allgemeine beschützt oder verteidigt, ist ja nicht, weil wir sonst diese Rechte nicht hätten, sondern, weil wir im Gesellschaftsvertrag gerade unser Recht auf Selbstverteidigung abgegeben haben, hautpsächlich aus der Besorgnis heraus arbiträr zu handeln, und dieses Selbstverteigigungsrecht gegen die Beistandspflicht der Staatsgewalt, die ja auf ein transparentes und gerechtes Gesetzessystem basieren sollte, ausgetausch haben. 

Als Bürger geben wir also ein grosses Stück weit unsere Souveränität an die staatliche Hoheit ab. Wenn wir nun das Beispiel der in ihrer sexuellen Selbstbestimmung bedrohten Frau weiterführen, dann wird klar, wie sehr es für einen Vergleich hinkt. Die Polizei unterstützt ja die Frau nicht darin, einen eventuellen Gewaltverbrecher zu verprügeln, sondern spricht ihr gerade dieses Recht ab, im Gegenzug zu einer Polizeiintervention, einer offiziellen Anzeige, oder dem Angebot ihr Schutz, zum Beispiel in eine Frauenhaus zu bieten. Wenn wir dies auf Ukraine beziehen möchten könnten wir sagen, dass sie ihre Verteidung aufgeben sollen, dafür aber nach Westeuropa oder Amerika flüchten können, und die NATO, oder sonst wer, dann die Russen zu Rechenschaft zieht. 

Einerseits bleibt hier hingestellt, ob die Ukraine tatsächlich erwähnt de Fakto ihre Souveränität zu Gunsten einer Integration in etweiige übergeordnete Strukturen aufzugeben. Das tut ja weder ein Staat der Europäischen Union, noch ein Mitglied der NATO, wäre also eine ganz neue Form des Beistandes.Andererseits, ist es fraglich wie weit NATO oder die EU als "Polizei" agieren können, da sie ja weder eine übergeordnete Rechtsgrundlage hat, der auch Russland, China, Indien, etc. zugestimmt hätten. Die UN-Charta gibt keine Begründung zur Beistandspflicht im Sinne einer Rechtsstaatlichen Struktur, sonder eine gegenseitige Verteidigungspflicht im Rahmen des Internationalen Rechtes, das ja gerade einer übergeordnenten, allgemein anerkannten Gewalt ermangelt.

Es geht aber noch etwas weiter.

Naturalistischer Fehlschluss 

Gemäss Hinsch hat die Polizei eine Pflicht Frauen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verteidigen, da diese sonst ihr Recht gar nicht ausüben könnten. 

 

Dieses Argument kann aber nur gültig sein, wenn Frauen tatsächlich nicht die Fähigkeit hätten, sich selbst zu verteidigen, denn es schliesst indirekt die Unmöglichkeit zur Selbstverteidigung der Frau mit ein. Das wurde spätestens durch die YPG in Kobane widerlegt, die ja gerade nicht durch eine international Polizeigewalt verteidigt wurden. Weiter historische Beispiele können einfach gefunden werden. Das ist aber hier nicht mein Ziel. Ob berechtigt oder nicht, Hinsch nennt die Frauen schlichtweg "schwach", anstatt auf ihre freiwillige unterordnung als Zivilbürger hinzuweisen. Das ist ein ziemlich bekanntes Muster von Chauvinismus.

Moralistischer Fehlschluss

Gehen wir nun einmal davon aus, dass Hinsch recht hätte und Frauen tatsächlich ihr Recht nicht selber verteidigen können, dann verliefe seine Argumentation so weiter:

  1. Frauen können sich nicht selbstverteidigen, daher muss ein Dritter, z.Bsp. die Polizei sie verteidigen.
  2. Die Polizei muss sie in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verteidigen, das sie sonst dieses Recht nicht hätte.

Rechte bestehen ja nicht nur, wenn sie auch verteidigt werden können, was gerade die internationale Bühne immer wieder aufzeigt. Der Gedankenzug, dass es tragisch sei, wenn jemand ein Recht hat und dieses nicht verteidigen kann, daraus zu folgern das daher es solch ein Recht nicht geben kann ist moralistischer Fehlschluss.

Fehler sind etwas häufiges in der Philosophie, das oft mit komplexen und abstrakten Fragen operiert wird. Jedoch ist es immer wieder interessant zu sehen, wer welche Art von Fehler macht. Schliesslich sind da nicht nur logische Fähigkeiten, ein solides Quellenwissen und etwas agrumentativ-strategisch Geschick im Spiel. Unsere argumentativen Aussetzer offenbaren auch etwas über die psychologisch-ethische Beschaffenheit des Sprechers. Somit spricht Hinsch den Frauen ihr Rech auf sexuelle Selbstverteidigung nicht ab, aber im Grunde haben sie diese nicht basierend auf ihrem Naturrecht als Mensch in ihrer Würde unversehrt zu sein, noch aufgrund ihres vetraglichen Bürgerrechtes verteidigt zu werden, sonder nur dank der Güte eines dritten, der ihnen dieses Recht zugesteht und dies durch die Verteidigung dieses Rechtes bestehtigt.

Dieses Argument tut natürlich auch der Ukraine keinen gefallen. Ich glaube kaum, dass die Ukrainer einen dritten brauchen, der ihr Recht auf völkische Souveränität anerkennt. Der Vergleich hinkt auch insofern, dass Frauen sich sehr wohl selbst verteidigen können, und dies bei der Ukraine viel weniger klar, aber nicht ausgeschlossen ist.

Warum nich eine utilitaristische Begründung suchen?

Es ergibt sich nun die Frage, warum ein Utilitarist nicht auch eine utilitaristische Begründung hervorbring. Die könnte für der Ukraine, wenn man Hinsch's Logik folgt etwa so lauten:

Europea und die NATO müssen die Ukraine gegen Russland verteidigen, weil wir bei einer russischen Besetzung der Ukraine jahrzehnte von Terrorismus und unkontrolliertem Widerstandskampf vor uns haben, weil die Agrarproduktion, die Bodenschätze, sowie die Bio- und Nuklearinstallationen dann in Russischer hand sind, wir die Russische Grenzen dann gerade vor der Haustür haben, wir wertvolle Intelektuelle an die Russen verlieren, kurz weil die Ukraine ein wirtschaftlich wertvolles Land ist, das man in seinem Einflussbereich haben sollte.

Oder aber, wenn man Frauen ihre eigenen Fähigkeiten zugesteht so:

Die Gesellschaft, oder die Polizei, oder wer auch immer, muss Frauen in ihrer sexuellen Selbbestimmung verteidigen, weil diese das sonst selbst in die Hand nehmen... und dann zum Beispiel wie Furien über unschuldige Männer herfallen.

Auf die Ukraine übertragen schiesst dies die Möglichkeit eines Sieges der Ukraine gegen Russland ein: 

Europea und die NATO müssen die Ukraine gegen Russland verteidigen, weil sie sonst ohne den Einfluss von Europa und NATO andere mögliche Partner suchen könnten, die dadurch mehr Einfluss im Europäischen Raum gewinnen, und auf all die obigen wirtschaftlich wertvollen Güter zugrif erhalten.

Schlussfogerung

Zusammenfassend kann man sagen, dass Hinsch alles unternimmt, um die ihm naheliegende normative Ethik, nämlich den Utilitarismus zu vermeiden. Dies tut er entweder, vielleicht ganz unbewusst, um seine eigenen misogynen Tendenzen Ausdruck zu verleien, oder weil ihm gerade nichts gescheiteres in den Sinn gekommen ist, um den utilitaristischen Klartext zu vermeiden.

Denn die Handlung, sowohl von Europa als auch von der NATO, haben in den letzten Wochen klar gezeigt, dass ethische Werte, damit sind die Moralvorstellungen von einem humanistisch orientierten Okzident, ausserhalb der Propaganda wohl kaum eine Rolle spielen.

Um nun nicht die machtpolitisch orientierten Interessen der westlichen Mächt offen zu legen, versucht er ein Kunststück in dem er auf Grund eines utilitären Satzes Mill's die Beistandspflicht aus einem naturrechtliche Selbstverteidigungsrecht, das im Vertragsrecht der UN-Charta zwar eingeschlossen aber eingeschränkt wurde, herbeiführen möchte. Dazu macht er erstens den naturalistischen Fehlschluss, dass die Polizeigewalt im Rechtstaat durch die Unfähigkeit zur Selbstverteidigung der Bürger begründet sei, zweitens den moralistischen Fehlschluss, dass ein Recht auch die Möglichkeit seiner Ausübung einschliessen muss, und drittens die falsche Prämisse dass Aufgabe des Selbstverteidigungsrechts zugunsten der Beistandspflicht in der inneren Ordnung automatisch auf eine internationale Ordnung übertragen werden könnte.

Ich habe hier nicht weiter in Erwägung gezogen, dass Vertragstheorien auch Theorien zur Durchsetzung brauchen, was tatsächlich der eigentlich Grund für das Zörgen im Beistand zur Ukraine ist; da solch eine Durchsetzung ja Gewalt voraussetzt, und eine Begründung verlangt. Diese aber basierend auf der UN-Chart nicht einseitig utilitär sein kann, sondern nur universal, also deontologisch oder allgemein utilitär für alle Mitglieder, wenn nicht gar für die Weltgemeinschaft im ganzen als nützlich begründet werden kann. Dies konnte aber bisher nicht dargelegt werden.

Ob es nun um Kriegshetze oder Frauenfeindlichkeit geht, zumindest argumentativ dürfte man von einem so prominenten Philosophen etwas mehr erwarten.


Bibliografie

Ayer, A. J. (2012). Language, truth and logic. Chicago, IL: Courier Corporation.

Blair, J. A. (2012). Informal logic and logic. Groundwork in the Theory of Argumentation, 21. http://doi.org/10.1007/978-94-007-2363-4

Hilpold, P. (2005). Die Vereinten Nationen und das Gewaltverbot. - ZVN - Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. Zeitschrift Vereinte Nationen, 3. https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/suche/zvn/artikel/die-vereinten-nationen-und-das-gewaltverbot

Kathrani, P. (2010). Social contract theory and the international normative order: A new global ethic? Jurisprudence, 1(119), 97–109. http://www.mruni.eu/lt/mokslo_darbai/jurisprudencija/http://www.mruni.eu/en/mokslo_darbai/jurisprudencija/

Mill, J. S. (1863). Utilitarianism (Internet Archive). Routledge. https://archive.org/details/utilitarianism03millgoog

Speckmann, T. (2010, May 19). Präventivkriege - Washington ist das neue Sparta - Kultur - SZ.de. Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/kultur/praeventivkriege-washington-ist-das-neue-sparta-1.911526


Pyramidale Betriebssysteme

Als Pyramidensystem wird in der Betriebswirtschaft eine Unternehmensstruktur bezeichnet, die mit einer sehr geringen Anzahl von Angestellten, manchmal sogar nur durch den Geschäftsführer selbst, eine enorme Anzahl von Mitarbeitern und deren Einkünfte kontrolliert. Alle Entscheidungen werden in der Firmenleitung getroffen und hierarchisch nach unten weitergegeben. Eine kleine Anzahl von, meist als Freiarbeitende Selbständige agierende, Agenten kontrollieren ihrerseits wieder, von Ihnen abhängige Agenten. Am besten bekannt ist diese Struktur in Dienstleistungen für Produkteverkauf. Für Einzelheiten zur detaillierten Definition, Varianten des Systems und der gesetzlichen Regelung sei hier auf XXX verwiesen. Grundsätzlich ist dieses System für die betriebswirtschaftliche Organisation in den meisten Ländern vom Gesetzgeber verboten. Begründet wird dies dadurch, dass davon ausgegangen wird, dass diese Organisationsform auf einer Form der Ausbeutung beruht und deshalb als ungerecht im ethischen Sinne und unfair für den marktwirtschaftlichen Wettbewerb im politisch-volkswirtschaftlichen Verständnis eingestuft wird.

Pyramidale Umverteilung

Pyramidale Betriebssysteme werden also in zweierlei Hinsicht als schädlich betrachtet; ethisch und pragmatisch.
Der ethische Aspekt tritt oft vermehrt in den Vordergrund unter dem Aspekt der „Ausbeutung“. Wer wird aber durch wen und mit welchen Mitteln ausgebeutet? Pyramidale Betriebsorganisation basiert auf der Idee, dass eine zentrale Stelle die Produkte verwaltet, d.h. einkauft, teilweise lagert und vor allem die Marktstrategie und Preispolitik kontrolliert. Dies allein ist aber weder ausbeuterisch noch ein pyramidales System. Jede Verkaufszentrale und viele grössere Unternehmen organisieren sich in dieser Weise. Nun entsteht aber der Gewinn nicht einzig und allein dadurch, dass Produkte produziert und konsumiert werden, sondern dadurch dass sie zu einem geringeren Preis produziert werden als sie konsumiert werden. Dies macht also zusätzlich zur produktbezogenen Aktivität der Produktion, Verwaltung und Lagerung kundebezogene Aktivitäten wie der Aufbau und Pflege eines Kundennetzes, die Weitergabe der von der Zentrale entwickelten Produktinformationen (Preis, Kundenvorteil, Anwendung, etc.) und der Verhandlung, durch die der Kunde im Erfolgsfall bereitwillig den gewünschten Preis bezahlt, der dem Unternehmen einen relevanten Gewinn einbringt. Dieser Teil der Wertschöpfung findet ausserhalb des Unternehmens statt, wird sozusagen „outsourced“. Auch dies macht ein System nicht grundsätzlich Pyramidal oder „ausbeuterisch“. Viele Verkaufsnetze, die über selbständige Agenten und Zwischenhändler laufen funktionieren ähnlich.
Die Kernaussage von pyramidalen Unternehmen lautet aber, dass der frei arbeitende Mitarbeiter, sprich Verkäufer, den angebotenen Reichtum nicht durch erfolgreichen Verkauf des Produktes, der zwar Gewinn bringend ist doch gesamthaft oft im Bereich des Existenzminimums liegt, sondern durch das Anheuern von neuen Agenten. An jedem Mitarbeiter, die ein Agent in sein Netzwerk hinzuzieht verdient er mit. Dadurch wird ein gewisses Paradox geschaffen, dass ein Verkäufer Interesse hat seine eigen Konkurrenz mit zu entwickeln, in dem er eine finanziellen Gewinnbeteiligung an weiteren Verkäufern hat und diese automatisch in eine Position unter ihm in der Hierarchie gestellt werden. Damit wird die Schärfe der Konkurrenz verwässert, es wird vorgegaukelt, der Verkäufer könne in der Hierarchie aufsteigen – dabei vertieft er sie nur im gesamten – und er könne immer grössere Gewinne durch immer geringeren Aufwand erreichen. Vorteile dieser Organisationsform sind ein interner Ansporn, sich eine immer grössere Konkurrenz auf zu bauen, gleichzeitig immer mehr zu verkaufen, um in der Hierarchie erfolgreich zu bleiben. Dies führt zu höchster Arbeitsleistung – oder Ausstieg von weniger arbeitswilligen, nachdem diese andere Mitarbeiter dem Unternehmen zugeführt haben – und eine enorm schnelle Expansion des Unternehmens durch informelle Netzwerke. In der Regel werden die Käufer dazu verpflichtet eine gewisse Menge der Produkte im Voraus einzukaufen, um sie dann zu den Bedingungen des Unternehmens weiter zu verkaufen. Der Verkäufer übernimmt also drei Funktionen im Unternehmen. Wertschöpfung, eigene Sozialleistungen, übernahme von Risikokapital (Produkte) und Kreditvergabe (da Vorauszahlung). Die, wenn auch geringen Gewinne, der Mitarbeiter wachsen, solange der Markt wächst und die bestehenden Kunden das Produkt regelmässig konsumieren. Daher ist das System vor allem für Konsumgüter erfolgreich. Je höher oben in der Pyramide jemand ist, desto weniger tut er und desto mehr verdient er. Auch dies ist kein spezifischer Sachverhalt, der nicht auch in anderen Organisationsformen vorkommt.

Schneeballsysteme

Eine Weiterführung dieses Prinzips ist das Schneeballsystem. Der einzige Unterschied liegt darin, dass nun gar nichts mehr im Unternehmen produziert wird. Die Verkäufer machen keinen gewinn mehr, in dem sie ein Produkt direkt oder durch Unterhändler, weiter verkaufen, sondern dadurch, dass sie immer wieder neue Verkäufer dazu gewinnen. Dieses System basiert letzten endes auf einem elegant verkleideten Betrug.
Um es an einem Bild zu verdeutlichen könnte solch ein System folgende Gestalt annehmen. Man schlägt jemandem vor für 12 Franken ein Stück Land zu pachten in das dann für eine gewisse Zeit zehn Ein-Franken-Stücke gesät werden. Haben diese Stücke sich mit der Zeit vermehrt, kann der Investor den erzielten Gewinn behalten, wenn nicht fällt alles an den Grundbesitzer. Der Investor hat aber auch die Möglichkeit für 12 Franken ein solches Stück Land zu pachten und es an einen weiteren Investor für 14 Franken weiter zu verpachten. Dann behält er in jedem Fall die 2 Franken. Die anderen 12 Franken muss er ja für seine eigen Pacht aufwenden. Wenn ein Schneeballsystem so einfach strukturiert würde, würde es wohl von den meisten schnell durchschaut. Die meisten Menschen glauben auch heute noch nicht, dass man aus Geld allein Geld machen kann. Nur, eben, sind die meisten Schneeballsysteme viel intelligenter aufgebaut.

Betrug oder Ausbeutung?

Die Frage, ob ein Wirtschaftssystem betrügerisch, ungerecht oder fair ist lässt sich auf einen Entscheidungspunkt reduzieren. Gibt es einen Wertzuwachs und wird das Kapital, das für diesen Wertzuwachs beigesteuert wird auch von dem investiert, der den Gewinn davon trägt. Diese Frage scheint in der Theorie viel einfacher, als sie sich in der Praxis darstellt. Dafür muss erst genau geklärt sein, was Wert und was Kapital ist.

Pyramidale Wirtschaftssysteme

Menschen investieren ihr Wissen, Können, Talent und Lebenszeit in einem Unternehmen und erhalten dafür Geld. Ein grosser Teil dieses Geldes wird darauf verwendet, Wissen, Können und Talent zu erhalten oder zu verbessern als zukünftiges Kapital, ein weiterer Teil wird für das Ausschalten von Konkurrenten und die Unternehmenstreue investiert (gemeinsame firmeninterne Aktivitäten, Lobbyarbeit, Imagearbeit) und für den physischen erhalt der Arbeitskraft (Wohnen, Essen, Ruhen). Der Rest kann dann in ein eigenes wirtschaftliches Projekt investiert werden, wozu meist die Zeit und Energie nicht mehr reicht, oder wird in einem Finanzinstitut angelegt.
Währen der Arbeitnehmer nur verdient solange er auch „gewinnbringend“ ist, verdient das Finanzinstitut in jedem Fall. Für das Verwalten von Geld wird eine Verwaltungshonorar entgegen genommen. Das Geld wird aber nicht wie die Münzen in die Erde verscharrt. Es wird vom Finanzinstitut weiter investiert. Theoretisch ist ein gewisser Betrag des Geldes versichert. Die neueste Geschichte hat aber gezeigt, dass in der Praxis, der Anleger nicht nur sein Vermögen verlieren kann, sondern auch noch die Verluste des Finanzinstitutes zu tragen hat, falls dieses Verluste bei seinen Investitionen macht. Da fragt sich der aufmerksame Leser, weshalb denn überhaupt jemand Geld in einem Finanzinstitut anlegt? Ähnlich wie in einem Casino, scheinen einige kleinere Erfolge in der Vergangenheit ein die Bereitschaft ein untragbares Risiko in der Zukunft einzugen zu gerechtfertigen. Doch dies ist noch nicht die ganze Geschichte. Geld ist ja nicht einfach ein materieller Wert, wie Steine, Edelmetalle oder Erde. Es ist vor allem eine Konvetion. Wieviel „Wert“ eine bestimmte Währung, z.Bsp. ein Franken hat, auch dies wird von Finanzinstituten reguliert. Meist geschieht dies aufgrund von Volkswirtschaftlichen Entwicklungen, die ebenfalls genau auf demselben Wert berechnet werden.

Zusammenfassend

Menschen erwirtschaften Güter
Güter und die geleistete Arbeit werden in Währungen berechnet
Währungen sind Werte, die von Finanzinstituten (und Gesetzgebern) reguliert werden
Währunge, die nicht sofort in Güter umgesetzt oder in die Produktion von Gütern investiert werden können werden, i.d.R. auf Finanzinstituten „angelegt“.
Finanzinstitute verteilen Währungen, die sie von anderen geliehen haben, um und investieren sie ihrerseits.
Im Falle von Verlusten trägt der Anleger das letzte Risiko, sogar über seine ursprüngliche Anlage hinaus.
Der „Wert“ der Währung selbst wird durch Finanzinstitute festgelegt (Interbank-Zinssätze, Kurswechsel) und sogar der Wert von ganzen Volkswirtschaften (Rating Agenturen)
Zum Finanzsystem gehören Zentralbanken, Banken, Gesetzgeber, Rating Agenturen
Das gesamte Wirtschaftssystem wird über die Währung durch Banken kontroliert.

Der Turm zu Babel oder die politische Philosophie von pyramidalen Systemen

Zusammenfassung der biblischen Geschichte…
Vermutlich ein Turm ähnlich den riesigen Kühltürmen im Persischen Qanat-System.
Trockensteinbauwerke – der letzte Stein in der Turmkuppel hält das ganze Bauwerk, zumindest die Kuppel zusammen.
Sinnbildlich – eine immer höhere Hierarchie im System ist entscheidend für die Existenz oder den Zusammenhalt des Systems. Fällt sie, fällt das ganze Gebilde zusammen.
Diese Rolle hat das Finanzsystem in der modernen Wirtschaft.
Deshalb gleicht die moderne Wirtschaft einem pyramidalen Schneeballsystem.


Handzettel | Vortrag

Einleitung

Der Protestantismus und die moderne Wissenschaft, die vor allem mit dem Englischen Empirismus begann, haben sich zeitgleich und im selben geographischen Raum entwickelt.

Es ist schwer zu sagen wer wen mehr beeinflusst hat, die Gemeinsamkeit beider Grundlagen ist aber unverkennbar.

Gemeinsame Wege

Beide Denksysteme vereinen die Mechanismen zur Wahrheitsfindung, die durch zwei Grundlegende Strategien geprägt sind; zum einen dem logischen Aufbau auf Axiomen und zum anderen der Anwendung von Regeln auf Erfahrungen des Lebens und die Testung der Theorie durch Falsifikation (Karl Popper 1963).

So finden wir im protestantischen Glauben die axiomatische Grundlage in der Bibel, dem geschriebenen Wort Gottes und die Prüfung der darin erkannten Gesetzmässigkeiten in der direkten Kommunikation mit Gott, durch das Gebet und seine Erhörung anhand von Gottes Wirken im Alltag. Dazu im Gegensatz steht die autoritäre Repräsentation Gottes, die durch hierarchische Strukturen an den Menschen weitergegeben werden, wie es zum Beispiel im Katholizismus (Papst, König, Volk) oder im Buddhismus (Dalai Lama, Priesterkönige, Volk) vorherrscht. Rituale und Gemeinschaftserlebnis ersetzen dort oft die Frage nach der Wahrheit.

Die Wissenschaft basiert auf Axiomen, die durch Kombination und kritischer Auseinandersetzung zu logischen Regeln führen. Diese werden dann auf Ereignisse in der Welt angewandt. Hier spielt die Beobachtung von wissenschaftlichen Objekten eine wichtige Rolle, Dadurch tritt der Wissenschaftler mit der erlebten Wahrheit in Beziehung und testet die entwickelten Regeln auf ihre Zuverlässigkeit.
Ein alternativer Weg zur Wahrheitsfindung in der Wissenschaft sind da der Mystizismus, die Gnosis, oder Orientale Meditationspraktiken wie zum Beispiel der Koan.

Gemeinsame Krise

Diese beiden Wege zur Wahrheitsfindung gleichen sich. Somit ist nicht verwunderlich dass sie auch durch dieselbe Sinnkrise geschüttelt werden.

Interessant ist, dass diese Krise inert ist, im System selbst ausgelöst und nicht in erster Linie von aussen bewirkt wurde.

Eines der wichtigsten Axiome der Wissenschaft, die Lichtgeschwindigkeit als Höchstgrenze für die Geschwindigkeit wurde durch Einsteins Relativitätstheorie ausser Kraft gesetzt. Die etwa gleichzeitig entwickelte Quanten Theorie von Heisenberg, Bell, Schrödinger, widersprach den grundlegendsten Gesetzen der Relativitätstheorie, obwohl beide Theorien als richtig bewiesen wurden, nach wissenschaftlichem Massstab. Zwei Theorien in der Wissenschaft können sich aber nicht widersprechen, ausser sie gehören einer übergeordneten Theorie an oder die Wissenschaft an sich muss in Zweifel gezogen werden. Dies ist vielleicht die grösste Krise in der Wissenschaft seit Kopernikus und Kepler.

Ähnlich im Protestantismus haben anscheinend widersprüchliche Texte immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen mit der Bibel geführt, Funde von Manuskripten, die nicht in den Kanon eingebunden wurden, führten immer mehr zur Frage, wo die Grenzen der Gültigkeit des schriftlichen Textes liegen. Parallele Bestrebungen strukturelle Änderungen an der Kirche und den kirchlichen Ritualen, wie zum Beispiel die Rolle der Frau, des Weiblichen im allgemeinen, aber auch die Beziehung zwischen dem Mensch als Herrscher über die Natur und seiner Umwelt werden immer mehr in Zweifel gezogen. Die Sehnsucht nach einer erfahrbaren Gemeinschaft und einer sinnlichen Erfahrung des Glaubens werden vermehrt auch in Protestantischen laut.

Scheideweg

Wohin nun? Beide Schulen, die wissenschaftliche und die theologische wissen im Grunde, dass Axiome nicht die Wahrheit an sich sind, sondern Leitplanken. Wenn sie ins Schwanken geraten, dann bedeutet dies nicht unbedingt, dass sie falsch sind, sondern dass Ihre Erkenntnisse mangelhaft, also nicht vollumfänglich sind, dass es da noch mehr gibt. Diese tiefgründigen Hinterfragungen, diese Krise, deutet darauf hin, lässt einen neuen Entwicklungsschritt erwarten, wie zur Zeit von Kopernikus. Wohin? Der Wissenschaftler würde vielleicht schmunzelnd sage, das steht in den Sternen geschrieben, als Protestanten dürfen wir auf Gott vertrauen.

Zitat 1. Korinther 13, 8- 10:
8 Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. 9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; 10 wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk.“




Einführung
Protestantische Werte, gibt es solche überhaupt, oder sind dies allgmeine Werte, die auch im Protestantismus auftauchen. Inwiefern sind protestantische Werte konstante von der religiösen Orientierung abhängigen Werte und inwiefern unterscheiden Sie sich einerseits von anderen Religionsgemeinschaften wie dem Katolizismus, dem Budhismus oder dem Islam und wie weit sind sie einheitlich und kongruent innerhalb der protestantischen Bewegung, bergreifend in den verschiedenen geographischen regionen (Schweizer Protestantismus, Deutscher Protestantismus, protestantismus ausserhalb Europas) und verschiedener Strömungen (Luther, Zwingli, Calvin, etc.)


Definition
Was wird heute als protestantischer Wert vestanden?

Ein Schaukelpferd und ein Holzpferd auf Rädern (Bild), welches trägt einen weiter? Ersteres symbolisiert hier eine subjektivistische Denkweise, in der es keine realität ausserhalb des Denkens gibt, oder aber, falls es sie gibt, es logisch unmöglich sie zu erkennen. Letzeres steht für ein lineares denken, das zu unterscheiden weiss was forne und was hinten ist, den Protestantismus im Gegensatz zu fatalistischeren oder relativistischen Glaubenssätzen.

Historische Eckpfeiler
Wie sind protestantische Werte entstanden? Sind diese Werte aufgrund des protestantischen Glaubensbekenntnis gewachsen oder waren sie vorher schon existent und waren die treibende Kraft des protestantischen Denkens?

Der Protestantismus entstand in einer Zeit des Umbruchs. Das 16. Und 17. Jahrhundert waren geprägt durch Kriege, die ganz Europa in Mitleidenschaft zogen, Kriege hervorgerufen durch Ansprüche auf Vorherschaft, aber auch aufgrund von einer aktiven Auseindandersetzung mit einer bis dahin für lange Zeit als selbstverständlich und selbsterklärenden gesehene Denkweise, dem Absolutismus und dem Glauben an die fatalität des menschlichen Schiksals, dessen Sündhaftigkeit allein auf durch die Gnade Gottes ins Reine gebracht werden kann, Erlösung durch Leid und göttlich Gnade.

Neue Erkenntnisse in der Wissenschaft, Newtons Gesetze, Darwins Theorien, neue Produktionsmethoden in einer zuhnemend industrialisierten wirtschaft „of scales“ und und polit-philosophische Schlussfolgerungen aufgrund von Beobachtungen im Empirismus von John Locke standen in Gegensatz zu dieser düsteren Fatalität und wurden daher auch als Erläuchtung oder Enlightment, wie es auf hiess genannt. Diese Veränderungen begleiteten oder wurden begleitet durch ein anderes Denken. Es gibt eine objektive Wirklichkeit, von Gott geschaffen und der Mensch durch seine Vernunft kann sie erkennen und hat auch die ethische Pflicht danach zu leben, vernünftig zu leben. Neben der Vernunft wird der Wunsch der Selbsterhaltung als ein gottgegebenes Geschenk und eine Pflicht empfunden, die den Menschen vom Tiere unterscheiden.

Aus diesem Denken heraus entstehen auch die verschiedenen Bewegungen des Protestantismus.
Erlösung kann nicht mehr nur durch Gnade erreicht werden sonder auch durch gutes Leben, ethisches Verhalten, gute Werke. Dies erlöst den Menschen aus seiner Ohnmacht, auferlegt ihm aber auch gleichzeitig eine Aufgabe deren Lösbarkeit nicht gar so gewiss ist.
Soziologische Eckpfeiler
Wo und wann hat sich das protestantische Denken auf die Gesellschaftliche und politische Ordnung ausgewirkt.

Weber-Merton These
Max Weber beobachtete, dass der Glaube in die Werte der Wissenschaft nicht aus der Natur geschlossen wurden, sondern ein Produkt einer definierten Kultur sind (Weber).


Vorraussetzung für Wissenschaft ist eine besondere soziale Ordnung, basierend auf stillschweigend akzeptierten Annahmen und institutioneller Regulierung. So kann jegliche Veränderung in der institutionellen Struktur Veränderungen, Stärkung aber auch Auflösung der Wissenschaft herbeiführen (Merton, 1938).


Damit zusammenhängende Werte sind humanitärer, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Natur.


Ablehnung der Wissenschaft basiert auf 1. der Logik (nicht unbedingt empirisch) (Merton, 1938)
2. Nicht logische Element, wissenschaftlicher Ethos und Nichtübereinstimmung


Wissenschaft verstanden als grossangelegte gesellschaftliche Aktivität zwischen Akzeptanz und Ablehnung wissenschaftlicher Grundsätze.


Im direkten Gegensatz zum wissenschaftlichen Prinzip steht der “Mann der Tat” (Merton, 1938).


Wissenschaft ist Macht (Merton, 1938) Die Ausdehnung politischer Kontrolle auf die Wissenschaft führt zu Loyalitätskonflikten. Aus soziologischer Sicht betrachtet gehört auch die Wissenschaft zu den totalitären Systemen (Merton, 1938).


“The ethor of science involves the functionally necessary demand that theories or generalizations be evaluated in terms of their logical consistency and resonance with facts.” (Merton, 1938)


Weber sieht Leidenschaft, Verantwortlichkeit und Distanz als Grundwerte des qualifizierten Politikers, Distanz das Monopol auf Sachlichkeit. (Weber) Dienst an einer Sache, Politik wird im Kopf gemacht. Männerbund und Männlichkeit, Ausschluss der Maria und der Heiligen aus dem Protestantismus, Heiliger Geist ist abstrahiert. Die Frage nach der Verantwortung (Weiblich) wird nach der Frage nach der Konsequenz abgelöst (Eva). Das Warum wird ein Wozu. In Politik und Religion der Unterschied zwischen Freund und Fein (Carl Schmitt).


Die Männerbundideologie eine deutsche Gesellschaftstheorie (Kreisky), elitäres, männerfixiertes Kulturverständnis (kreisky).


Mehrheit zugunsten einer Minderheit entmachten (Kreisky, Freud), Männliche Ethik mit Diskriminierungs und Ausschliessungsregeln kulminiert in der Rechtstaatlichkeit (Kreisky). Das gessellschaftlich-demokratische Problem.


Wissenschaftlicher Ethos beiinhaltet intelektuelle Ehrlichkeit, Integrität, organisierter Skeptizismus, Uninteressiertheit, Unpersönlichkeit. Die politisierte Gesellschaft ist ihr Abwehmmechanismus. (Kreisky)


Die Reinheit der Wissenschaft (Kreisky) Toast at Cambridge: “To pure mathematics, and may it never be of use to anybody!”


Technologie hat der Wissenschaft zu Gesellschaftlichem ansehen verholfen (Komputersimulationen, Statistiken, Modelle). Wissenschaft braucht dieses Gesellschaftliche Ansehen ebenso wie der Protestantismus. Dies ist aber auch die Quelle ihrer Ablehnung, wenn zum Beispiel die gesamte Chemie als Sündenbock, für chemische Waffen verantwortlich gemacht wird. (Kreisky).


Der “cult of unitelligibility”, man muss sehr lange üben und normen lernen bevor man befähigt ist Wissenschaft hervorzubringen oder zu verstehen.


Die Anleihe an die Autorität der Wissenschäft wird zu einem mächtigen Prestige-Symbol für nicht-wissenschaftliche Doktrin. (Kreisky).


Die Kirche lehnt immer noch eine textuelle Analyse der Bibel von der Wissenschaft ab und sieht es als ein Vordringen der Wissenschaft in einen Bereich, den sie nichts angeht (Kreisky).


“The institutional goal of science is the extension of certified knowledge.” (Merton, 1938) Empirical evidence as a technical norm of logical consistency claims the imperatives of the ethos of modern science; universalism, communism, disinterestedness and organized scepticism.(my words.)



Das Protestantische Erbe und Kapitalismus (geistige Vorbedingung) (Max Weber 1904)


Trennung von Kirche und Religion im Protestantismus, die Religion als Gesinnung, Orientierung im täglichen Leben.


Im 17 Jahrhunder, Wissenschaft wird nobel und ehrenwert (vorher Herkunft, Loyalitäten, Dienste). Das Nützliche wird dem schönen vorgezogen (Utilitarism vs. Aesthetik).


Nach Merton war das plötzliche interesse als Wissenschaft im 17. Jh. Durch folgende externe Faktoren vorbedingt:


- Protestantische Ethik (Puritanismus)
Abgrenzung


Monotheistische
Judentum
Katolizismus und Ortodoxie
Religiöse Aspekte spielen insofern eine
Rolle, als die katholische Prägung, wie Neurath betont, die Ausklammerung metaphysischer
Fragestellungen und Hinwendung zu logischen Analysen erleichtert, während der
protestantische Philosophie dieser Schritt deutlich schwerer fiel.32 (Reimher, Merger – Oestereische Wertlehre)
Islam


Politieistische
Animismus
Hinduismus


Ateistische
Kommunismus
Säkularismus


Interne Unterscheidung
Zwingli
Luther
Calvin


Protestantismus im Wandel

Ursprünge
Protestantische Ethik:

  1. Berufung durch Gott
    1. Jeder weltliche Beruf ist göttliche Berufung
    2. Gottgefälliges Wirken nicht im Kloster sondern in der Welt
    3. Innerweltliche anstatt ausserweltliche Askese, Hingabe an Beruf
  2. Die Glorifizierung Gottes durch nützliches Wirken im Diesseits
    1. Nützliche Arbeit orientiert am Gemeinwohl
    2. “public service is God's greatest service”
  3. Der Segen der Vernunft
    1. Vernunft kontrolliert das Fleisch
    2. Nur Vernunft kann Gottes Werke würdigen
Kompatibilität von Wissenschaft und Religion
Generell: Wissenschaftler verteidigen Wissenschaft nicht gegen, sondern mit Religion (Locke)
  1. Nützlichkeit/Utilitarismus
    1. Auch heute noch dominante Legitimation von Naturissenschaft
    2. Wissenschaft zum Wohle der Menschheit und somit zum Gefallen Gottes
    3. “The Royal Society does not intent to stop at some particular benefit, but goes to the root of all noble inventions.”
  2. Weltlichkeit bezw. Empirismus
    1. Wissenschaftliche Arbeit ist eine religiöse Berufung
    2. Experimentieren= “ehrliches”, protestantisches Handwerk
    3. Gegensatz: Aristotelische, Katholische Kontemplation
    4. Kompatibilität von Wissenschaft und Religion
  3. Lobpreisung von Gottes Werken
    1. Experimentelle Wissenschaft würdigt den Schöpfer der Natur
    2. Natur entdecken = Schönheit von Gottes Werken entdecken
    3. Ziel wissenschaftlicher Aktivitäten ist “Glory of the Creator and the reliefe of man's estate” (Bacon)
Pradigmenwechsel

Protestantismus heute



Das Ende der Monarchie bewegt durch den “Urchristlichen Gedanken”, der sagt “Es bedarf keiner Erläuterung, dass eine derartige Akzentuierung der Weitergabe natürlichen Lebens aus religiösen Vorstellungen vorchristlicher Zeit stammte.” (Karl Schmid, p.47)