Wahrheitsfindung in Protestantismus und moderner Wissenschaft: Zwei Wege, gemeinsame Probleme, gemeinsame Lösungen?



Handzettel | Vortrag

Einleitung

Der Protestantismus und die moderne Wissenschaft, die vor allem mit dem Englischen Empirismus begann, haben sich zeitgleich und im selben geographischen Raum entwickelt.

Es ist schwer zu sagen wer wen mehr beeinflusst hat, die Gemeinsamkeit beider Grundlagen ist aber unverkennbar.

Gemeinsame Wege

Beide Denksysteme vereinen die Mechanismen zur Wahrheitsfindung, die durch zwei Grundlegende Strategien geprägt sind; zum einen dem logischen Aufbau auf Axiomen und zum anderen der Anwendung von Regeln auf Erfahrungen des Lebens und die Testung der Theorie durch Falsifikation (Karl Popper 1963).

So finden wir im protestantischen Glauben die axiomatische Grundlage in der Bibel, dem geschriebenen Wort Gottes und die Prüfung der darin erkannten Gesetzmässigkeiten in der direkten Kommunikation mit Gott, durch das Gebet und seine Erhörung anhand von Gottes Wirken im Alltag. Dazu im Gegensatz steht die autoritäre Repräsentation Gottes, die durch hierarchische Strukturen an den Menschen weitergegeben werden, wie es zum Beispiel im Katholizismus (Papst, König, Volk) oder im Buddhismus (Dalai Lama, Priesterkönige, Volk) vorherrscht. Rituale und Gemeinschaftserlebnis ersetzen dort oft die Frage nach der Wahrheit.

Die Wissenschaft basiert auf Axiomen, die durch Kombination und kritischer Auseinandersetzung zu logischen Regeln führen. Diese werden dann auf Ereignisse in der Welt angewandt. Hier spielt die Beobachtung von wissenschaftlichen Objekten eine wichtige Rolle, Dadurch tritt der Wissenschaftler mit der erlebten Wahrheit in Beziehung und testet die entwickelten Regeln auf ihre Zuverlässigkeit.
Ein alternativer Weg zur Wahrheitsfindung in der Wissenschaft sind da der Mystizismus, die Gnosis, oder Orientale Meditationspraktiken wie zum Beispiel der Koan.

Gemeinsame Krise

Diese beiden Wege zur Wahrheitsfindung gleichen sich. Somit ist nicht verwunderlich dass sie auch durch dieselbe Sinnkrise geschüttelt werden.

Interessant ist, dass diese Krise inert ist, im System selbst ausgelöst und nicht in erster Linie von aussen bewirkt wurde.

Eines der wichtigsten Axiome der Wissenschaft, die Lichtgeschwindigkeit als Höchstgrenze für die Geschwindigkeit wurde durch Einsteins Relativitätstheorie ausser Kraft gesetzt. Die etwa gleichzeitig entwickelte Quanten Theorie von Heisenberg, Bell, Schrödinger, widersprach den grundlegendsten Gesetzen der Relativitätstheorie, obwohl beide Theorien als richtig bewiesen wurden, nach wissenschaftlichem Massstab. Zwei Theorien in der Wissenschaft können sich aber nicht widersprechen, ausser sie gehören einer übergeordneten Theorie an oder die Wissenschaft an sich muss in Zweifel gezogen werden. Dies ist vielleicht die grösste Krise in der Wissenschaft seit Kopernikus und Kepler.

Ähnlich im Protestantismus haben anscheinend widersprüchliche Texte immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen mit der Bibel geführt, Funde von Manuskripten, die nicht in den Kanon eingebunden wurden, führten immer mehr zur Frage, wo die Grenzen der Gültigkeit des schriftlichen Textes liegen. Parallele Bestrebungen strukturelle Änderungen an der Kirche und den kirchlichen Ritualen, wie zum Beispiel die Rolle der Frau, des Weiblichen im allgemeinen, aber auch die Beziehung zwischen dem Mensch als Herrscher über die Natur und seiner Umwelt werden immer mehr in Zweifel gezogen. Die Sehnsucht nach einer erfahrbaren Gemeinschaft und einer sinnlichen Erfahrung des Glaubens werden vermehrt auch in Protestantischen laut.

Scheideweg

Wohin nun? Beide Schulen, die wissenschaftliche und die theologische wissen im Grunde, dass Axiome nicht die Wahrheit an sich sind, sondern Leitplanken. Wenn sie ins Schwanken geraten, dann bedeutet dies nicht unbedingt, dass sie falsch sind, sondern dass Ihre Erkenntnisse mangelhaft, also nicht vollumfänglich sind, dass es da noch mehr gibt. Diese tiefgründigen Hinterfragungen, diese Krise, deutet darauf hin, lässt einen neuen Entwicklungsschritt erwarten, wie zur Zeit von Kopernikus. Wohin? Der Wissenschaftler würde vielleicht schmunzelnd sage, das steht in den Sternen geschrieben, als Protestanten dürfen wir auf Gott vertrauen.

Zitat 1. Korinther 13, 8- 10:
8 Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. 9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; 10 wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk.“